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Diskriminierung am Arbeitsplatz: Anonyme Bewerbung - Gewinn durch Fakten
18.05.2010 - Diskriminierung am Arbeitsplatz

Anonyme Bewerbung - Gewinn durch Fakten

Diskriminierung im Arbeitsplatz und im Beruf

Bitte ankreuzen. Sie arbeiten: a. zuverlässig, b. schlampig, c. langsam, d. fleißig. Eine Bewerbung im Multiple Choice-Verfahren. Nur ein paar Klicks und schon ist das Formular ausgefüllt und abgeschickt. Sieht so das Bewerbungsverfahren der Zukunft aus? Prima, werden sich da viele freuen. Kein lästiges Bewerbungsschreiben mehr, kein langwieriges Lebenslaufformatieren, keine Gefahr von Rechtschreibfehlern. Das ist zurzeit aber noch Sciencefiction. Die Standarisierung des anonymen Lebenslaufs hingegen wird immer häufiger diskutiert.

Dahinter steckt der Wunsch nach weniger Diskriminierung der Bewerber durch den möglichen Arbeitgeber. Ich möchte Lebensläufe, auf denen weder ein Bewerbungsfoto zu sehen ist noch Name, Adresse, Geburtsdatum oder Familienstand erkennbar sind. So erreichen wir mehr Chancengleichheit, forderte Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, im März 2010 in Berlin. Laut einer Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit, haben türkischstämmige Bewerberinnen und Bewerber aufgrund ihres türkischen Nachnamens 14 Prozent weniger Chancen auf ein Vorstellungsgespräch als ihre Mitbewerber mit Namen wie Meier, Müller, Schulze. Dazu wurden 528 Online-Bewerbungen von vier fiktiven Bewerbern nach Zufallsprinzip bei verschiedenen Firmen eingereicht – zwei mit ausländischen und zwei mit deutsch anmutenden Namen, alle jedoch mit gleichwertigen Qualifikationen. Die positivere Resonanzquote lag eindeutig auf Seiten der Deutschen. In kleineren Unternehmen fiel die Ungleichbehandlung sogar noch deutlicher aus. Dort hatten sie um 24 Prozent bessere Chancen. Dieses Resultat steht nicht nur im Widerspruch zu Grundwerten wie Gleichheit und Menschenwürde, sondern ist auch eine Gefahr für die Wirtschaft. Denn in Zeiten der Globalisierung können die Unternehmen von der Vielfalt Ihrer Mitarbeiter nur profitieren. Vor allem von Mitarbeitern mit hohen Qualifikationen.


Jeden kann es treffen

Aber nicht nur ausländische Mitbürger sind betroffen. Auch die Bewerbungen von Frauen und älteren Menschen landen aufgrund von Vorurteilen schnell auf dem Stapel mit den Absagen, meint Lüders. Dass selbst Ostdeutsche damit zu kämpfen haben, zeigt der kürzlich stattgefundene Prozess vor dem Arbeitsgericht in Stuttgart, bei dem eine Ostdeutsche Klage erhob, weil sie ihre Bewerbungsunterlagen mit dem Vermerk Ossi und einer Absage zurückgeschickt bekam. Ohne Erfolg. Im Urteil dazu hieß es, dass sie nicht auf Grund ihrer regionalen Herkunft auf Diskriminierung klagen könne. Die Begründung: Ostdeutsche seien kein eigener Volksstamm.

Egal ob Ossi oder Wessi, schwarz oder weiß, die Möglichkeit einer Diskriminierung fiele bei der Anonymisierung des Lebenslaufs weg, sagen die Fürsprecher. Alles, was zählt, sei dann nur noch die Leistung eines Bewerbers, die darüber entscheidet, ob er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht. "Doch, wie könnte so ein anonymes Bewerbungsverfahren ablaufen?", fragen die Kritiker. Ein Vorschlag ist, die Bewerbungsunterlagen nach Eingang zwischen Sekretariat und Chefetage zu teilen. Persönliche Angaben wie Name, Adresse und Alter verbleiben damit an neutraler Stelle, während der Personalentscheider nur die Qualifikationen zu sehen bekommt. Noch einfacher zu trennen wären Online-Bewerbungen. In Frankreich, die nach den USA die Vorreiter in Sachen anonymisierter Lebenslauf sind, stehen den Unternehmen beim Handling sogar das Arbeitsamt sowie Personalberater wie Adecco hilfreich zur Seite.


Bahn frei für Spekulationen

Aber beugt das der Diskriminierung wirklich vor? Oder bedeutet es nur noch mehr Bürokratie, die die zum Teil jetzt schon sehr hohen Wartezeiten der Bewerber auf eine Antwort seitens des Unternehmens unnötig verlängert? Außerdem lassen sich die persönlichen Daten vielleicht verheimlichen; die restlichen Informationen im Lebenslauf geben dafür immer noch genug Raum für mehr oder weniger wilde Interpretationen und Spekulationen: Die Daten der Schul-, Ausbildungs- oder Studienzeit verraten viel über das Alter, Hobbys wie Fußball oder Seidenmalerei sind geschlechtsspezifisch konnotiert, exotische Sprachkenntnisse geben eventuell Aufschluss über die Nationalität und wer eine Polytechnische Oberschule besuchte, kann seine Wurzeln ebenfalls kaum verbergen.

Und selbst wenn sämtliche Daten aus dem Lebenslauf gelöscht würden und der Personaler sich schließlich gar kein Bild mehr von dem Menschen hinter dem Papier machen kann? Wie läuft dann das Vorstellungsgespräch ab? Ist das wirkliche eine neutrale und damit vorurteilsfreie Gesprächssituation, in der nur die Qualifikationen zählen? Einen Kandidaten wegen seines Geschlechts oder seiner Hautfarbe auszusortieren, kann schließlich auch an dieser Stelle noch passieren.


Aufklärung birgt Veränderung

Dass sich die Bewerbung in ihrer Form verändert, ist abzusehen. Zwischen handschriftlichen Anschreiben auf kariertem Papier und hochprofessioneller Bewerbungsmappe sowie Online-Formularen lagen nur wenige Jahrzehnte. Vielleicht werden Unternehmen ihr Personal irgendwann nur noch über elektronische Profile wie Xing und Co rekrutieren. Und wünschenswert wäre, dass sie bei ihrer Auswahl dann nur nach den Qualifikationen der Bewerber vorgingen und nicht nach ihrem Geschlecht, ihrem Alter oder ihrer Hautfarbe. Anonymisierte Lebensläufe einzuführen, würde jedoch vermutlich nur eine Verschiebung des Problems auf später bedeuten - nämlich auf das Vorstellungsgespräch oder eine problembehaftete Zusammenarbeit. Hier wird weitere Aufklärungsarbeit von Nöten sein, um schließlich alle Unternehmen zum Umdenken zu bewegen. Denn Talent sollte nicht verschwendet werden.


Alexandra Jabs



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